Hintergrundberichte: Veteran Johannes Franz im Interview

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Those were the Days

Im Caféhaus Hummel sitzt ein Mann und liest Zeitung, die Beine elegant überschlagen, der Hut zum Schutz vor der spätsommerlichen Sonne tief ins Gesicht gezogen. Hier am Yppenplatz in Wien treffen sich die, die es in Wien zu etwas gebracht haben und in ihrer Freizeit die Lebensqualität der österreichischen Hauptstadt in vollen Zügen genießen können. Die SHOR (Sechste Herren Online Redaktion) reiste extra ins kleine Nachbarland, um alt-St.Paulianer Johannes Franz zu interviewen. Der "Inspektor", wie er von alten Weggefährten heute noch gerufen wird, stieß damals quasi als Küken zur goldenen Generation von Spielern, welche die 6. Herren in wenigen Jahren von der untersten Liga ins Oberhaus und auf dem Weg noch zum 1. Pokalsieg katapultierte. Heute lebt der Jonathan Meese unter den Kiezkickern gediegen am Donauufer und gewährt im SHOR-Interview exklusive Einblicke in seine braun-weißen Memoiren: BITTE WEITERLESEN KLICKEN

SHOR: "Herr Franz, warum Hut und Sonnenbrille? Dürfen wir Sie dutzen?"

Franz: *blickt sich kurz um und nimmt schließlich zumindest die Sonnenbrille ab* "Nein. Und hier in Wien wäre das vielleicht gar nicht nötig, sie haben Recht. Aber in den Jahren mit den 6. Herren, als wir auf dieser Welle des Erfolgs ritten, waren die Medien überall und ungeniert. Wer ein Privatleben wollte, musste sich zu tarnen wissen."

SHOR: "Daher also Ihr Spitzname Inspektor?"

Franz: "Das Team brauchte damals eine interne Revision. Sportlich wir organisatorisch. Ich habe damals die Abläufe gestreamlined, den richtigen Leuten im richtigen Moment einen Arschtritt verpasst. Ich glaube, ich darf den Titel als Kompliment nehmen."

SHOR: "Nicht gerade bescheiden. Sie scheinen etwas von ihrer jugendlichen Art hier in Wien eingebüßt zu haben..."

Franz: "Muss ich mir sowas anhören?" *atmet kurz durch, entspannt sich wieder* "Aber sie haben ja recht. Was der Erfolg und das Wiener Jetset-Leben an Trbut fordern, kann man sich in ihrer Position wahrscheinlich kaum vorstellen. Wir haben damals alles gegeben, wir waren jung, erfolgshungrig und rücksichtlos. Wir haben viel gewonnen, aber auch einen Preis dafür bezahlt."

SHOR: "Zusammen mit Namen wie Simons, Hagmann, Matzner wagten Sie mit dem Team als Teil einer neuen Spielergeneration 2006/2007 einen Neuanfang. Was war damals Sache bei den Sechsten Herren?"

Franz: "Wer sich wirklich auskennt weiß, dass die Truppe auch ohne die Neuzugänge schon fußballerisch einiges drauf hatte. Einige aus dieser Zeit spielen noch heute wichtige Rollen auf und neben dem Platz! Fortmann, Wilhelm, Augustat, Ahlden, Goethe...alles Namen, die fest zur Mannschaft gehörten, als ich und die anderen Angesprochenen dazu stießen. Was aber stimmt, ist dass mit dem frischen Blut auch mehr Konkurrenz und damit mehr Zug in den Laden kam. Jeder wollte zeigen, dass er den Totenkopf tragen darf und zur Mannschaft gehört."

SHOR: "Ein Umbruch fand dennoch statt. Wie erlebten sie den Prozess?"

Franz: "Nach dem Aufstieg, aber spätestens mit der Aufnahme von Trainer Michael Schirmer ins Kollektiv war klar, dass die Mannschaft sich selbst eine Ordnung und Prinzipien geben wollte. Mein Anliegen war es, zusammen mit den anderen Tradition und Fortschritt unter einen Hut zu bekommen. Wir dürfen uns im Nachhinein am Erfolg messen lassen."

SHOR: "Dann der Abschied nach Wien. Warum?

Franz: "Fußball kann nicht alles sein im Leben. Vielleicht macht er ca. 85% aus, aber eben nicht alles. Ich hatte damals alles erreicht, wo sollte der Weg denn nach der Quintupel-Saison (Meisterschaft, Pokalsieg, bester Angriff, beste Verteidigung, ohne Pflichtspielniederlage / Anm. der Redaktion) noch hinführen? Als (Ball-)Künstler war Wien einfach der natürliche Schritt. Weg vom Schmuddelclub, hin zur Bohemian Bourgoisie."

SHOR: "Sie genießen das Leben hier - ganz ohne Fußball?"

Franz: *lächelt zum ersten Mal* "Naaaaaa. Ganz ohne kommt man nicht aus, wenn man einmal den süßen Rausch des Sieges geschmeckt hat. Und damals haben wir ja in vollen Zügen aus diesem Krug getrunken! Ich spiele hier unter falschem Namen in einer österreichischen Mannschaft. Nebenbei revolutioniere ich die bemitleidenswerte österreichische Fotografie-Szene - auf beiden Bühnen kann ich den Ösis noch den ein oder anderen Trick beibringen, den mich die Zeit auf St. Pauli gelehrt hat."

SHOR: "Haben Sie denn noch Kontakt zu den Weggefährten von damals?"

Franz: "Na klar, in der Belétage hält man doch zusammen. Kai Simons ziehe ich regelmäßig online bei Fifa ab, mit Fliegenfänger Simon Hagmann bin ich nachher in meinem Penthouse noch zu einem Glas Spritzer verabredet. Und auf einer Arbeitsreise an die Elbe habe ich auch beim Training der Truppe vorbeigeschaut. Sie hatten wohl immer noch Angst vor meinen Defensiv-Grätschen, weswegen ich nur im Tor mitspielen durfte..."

SHOR: "Sie als Fußballfachmann und 6.Herren-Veteran, was halten Sie vom aktuellen Kader?"

Franz: "Ersteinmal Hut ab zur bisherigen Leistung in dieser Saison. Das Pokalaus war bitter, aber der Fokus auf die Liga scheint sich auszuzahlen. Mit dem Trainerduo Wilhelm und Augustat schleift man zwar ein fünftes Rad am Wagen über den Platz, aber dafür scheint genug Talent in der Truppe zu stecken. Im Vergleich zu früher ist sicherlich eine gesunde Portion Überheblichkeit und Rowdytum verloren gegangen, da wird zu wenig gesoffen vor den Spielen - denken wir nur an einen Rosenplänther in seinen besten Zeiten! Aber gut, es fehlt eben auch ein Inspektor."

*Franz zwinkert mit dem Auge und nippt an seiner Mélange* (Wiener Bezeichnung für einen Milchkaffee / Anm. der Redaktion)

SHOR: "Noch einen Gruß in die alte Heimat?"

Franz: "LEUTE!"

SHOR: "Wir danken Ihnen für das Gespräch."

+++ Lesen Sie in der nächsten Ausgabe: die SHOR befragt Mazlum Yesilmen zu den skandalösen Vorgängen im St. Georg-Spiel +++ Außerdem: Trainer Wilhelm's Gehirnjogging soll Laufbereitschaft im Team stärken +++

Bild von Johannes

Grande!

Grande SHOR, Grande Inspecteur!

Und wer wie ich immer wieder gern in Erinnerungen schwelgt, dem sei noch einmal dieses Fundstück empfohlen:
http://www.youtube.com/watch?v=-aY6Zr8TBcA

("Bin sehr froh Teil dieses Haufens zu sein", "Sehr dufte hier, dufte dufte dufte", "Vom Feinsten hier, läuft alles")